Stand: 26.07.2026
Unsere Erstfahrt mit dem SVT Görlitz
von Frieder Jehring, Pirna
Liebe NFS-Leser, wie ihr seit NFS-Ausgabe 3/19 S.14 wahrscheinlich wisst, verfolgte ich das Projekt der Wiederinbetriebnahme des DR-Schnell-Verbrennungs-Triebwagen-Zuges VT 18.16 sehr aufmerksam und ich ließ euch als NFS-Redakteur an den Fortschritten und Hindernissen immer wieder teilhaben. Nun haben die ersten Publikumsfahrten tatsächlich stattgefunden, und ich durfte direkt dabei sein – sogar durch für uns glückliche Umstände gemeinsam mit meiner, auch in Sachen Eisenbahnhobby, treuen „Beifrau“ Katrin. Lasst mich euch nun mitnehmen auf meine lange persönliche „Zugverbindung“ zu dieser legendären Baureihe.
Anmerkung vorab: Meine selbst erbrachte Leistung für die Wiederinbetriebnahme ist bescheiden. Hierfür gebührt den ehrenamtlichen Organisatoren und den vor Ort an und in dem Zug in ihrer Freizeit Arbeitenden der allerhöchste Respekt und Dank. Dieser Bericht soll auch eine Hommage an all diese Aktiven und die vielen weiteren Unterstützer sein.
Vorgeschichte:
Im Schulkind-Alter, Ende der 1960er / Anfang der 1970er Jahre hatten meine Eltern kein Auto und wir verreisten grundsätzlich mit der Eisenbahn und mit dem Bus. Wir wohnten in Pirna in Sicht- und Hörweite einer kleinen aber lauten Eisenbahnbrücke der Strecke Bodenbach – Dresden, Teil der internationalen Linie Berlin – Prag – Wien. Mein Hobby war eine TT-Modellbahn; an ihr lernte ich grundlegende Kleinigkeiten des Eisenbahnbetriebs, machte erste Erfahrungen mit mechanischen Fertigkeiten und vor allem stieg ich in die Welt der Elektrotechnik ein (woraus sich später mein Berufsleben entwickelte). Mit der Zeit fand ich es erstrebenswert, auf der Modellbahn Rollmaterial zu haben, welches alltäglich auf der Elbtalbahn zu beobachten war, wobei ich nie ein wirklicher Kenner von Baureihen oder gar bestimmten Fahrzeug-Exemplaren (also z.B. kompletten Loknummern mit Historie des Fahrzeugs) gewesen bin. Wichtig war das markante Aussehen der Schienenfahrzeuge und dessen äußerliche Wiedererkennbarkeit auf der Modellbahn.
Mitte der 1970er Jahre war es immer ein Blickfang, wenn der „Vindobona“ durch Pirna fuhr, eben der Schnelltriebwagen(zug) Bauart Görlitz = VT 18.16 (später SVT 175) auf der Route Berlin – Prag – Wien („VT“ steht für „Verbrennungs-Triebwagen“).
Schon der stolze Anblick flößte dem jungen „DDR-Otto-Normalbürger“ solchen Respekt ein, dass man als gewöhnlicher 2.-Klasse-Reisender in normalerweise Abteil- oder Rekowagen, Donnerbüchse, Doppelstockzug oder Ferkeltaxe, oft ohne Sitzplatz, gar nicht auf den Gedanken kam, in so einem „Luxus“-Zug mitfahren zu wollen
Aber es wuchs der Wunsch, ein Modell dieses Zuges für die TT-Modellbahn haben zu wollen. Es gab ihn ja auch auf keiner besichtigten Modellbahn-Ausstellung! Kaufen: Fehlanzeige. Es gab kein Industriemodell dieses Zuges. Es reifte der Entschluss, einen Selbstbau zu wagen. Dafür wurden die im Besitz befindlichen Schnellzugwagen von Zeuke „AB4üpe“ als Basismaterial erkoren. Dieser Wagentyp entsprach nämlich absolut nicht den Wagen, welche ich aus eigenem Erleben kannte – hatte aber die passenden Proportionen und Formen für den SVT; bei den Mittelwagen waren faktisch nur die Rundungen der Dachkanten abzufeilen (und natürlich eine Neulackierung durchzuführen), um den optischen Grund-Eindruck des SVT zu erreichen. Über weitere Details dieses – nie vollendeten – Modellbaus will ich hier nicht berichten.
„Vindobona“ war und ist übrigens nicht der Name dieser Eisenbahnfahrzeuge! Es ist der Name der Zugverbindung Berlin – Prag – Wien, welche über Jahrzehnte existiert und schon von verschiedensten Fahrzeugen bedient wurde. Es ist das lateinische Wort für die frühere römische Siedlung in der Nähe der heutigen Stadt Wien. Züge der Bauart Görlitz bedienten u.a. auch Verbindungen mit den Namen „Neptun“, „Berlinaren“, „Karlex“ und „Karola“.
Es war natürlich erforderlich, eine Zeichnung zu haben, wie das Modell denn fertig aussehen soll. Irgendwelche Wege, um an vorhandene Zeichnungen oder Detail-Fotografien zu gelangen, waren mir als Schulkind vollkommen fremd (ein paar zufällig vorhandene Fotos in Zeitungen und Broschüren gab es natürlich). Ich hatte auch keinen Zugriff auf einen brauchbaren Fotoapparat. Also: die Fahrpläne waren zur Hand – immer wenn es sich einrichten ließ, an die Strecke gehen, Vindobona gucken, Augenmerk auf bestimmte Details richten und dann aus der Erinnerung aufzeichnen! So ermittelte ich die Fensteraufteilung und die Positionen von Klappen, Lüftern etc. auf den Dächern (Letzteres mit Blick von oben, von der Straßenbrücke über die Bahnstrecke und die Elbe).


Und so sah dann meine „Konstruktionszeichnung“ des Maschinenwagens aus. Räder / Drehgestelle brauchten nicht dargestellt zu werden. Dafür sollten als Laufdrehgestell das am Schnellzugwagen vorhandene, und als Triebdrehgestell das der aus ähnlichem Beweggrund schon umgebauten Diesellok (DB V 200 umgebaut in die DR V 180) aus der Bastelkiste verwendet werden.
Mit dem Ende der Schulzeit und Beginn der Lehrausbildung in Leipzig war dann kaum noch Zeit für die Modellbahn, auch durch neue Interessengebiete, die meine Zeit beanspruchten. Inzwischen fuhr man auch nur noch „notgedrungen“ mit der Eisenbahn, denn die Eltern hatten einen Trabi und ich selber dann auch ein MZ-Motorrad. Es blieben nur die Fahrten mit überfüllten D-Zügen zwischen Leipzig und Dresden auf sehr günstige Schülermonatskarte, später zwischen Berlin und Dresden im Urlaub vom Wehrdienst und mit der S-Bahn Berlin bzw. Dresden, hier im auch oft sehr vollen Doppelstockzug. Die SVT-Züge waren zwar nun auch auf DDR-internen Schnellzugrelationen unterwegs (auch für Normalbürger nutzbar), aber nicht auf den von mir befahrenen Strecken. Mit der Eisenbahn zu reisen, außer mal mit den touristischen Dampfbahnen, war uninteressant geworden. Daher fuhr ich damals auch nie „zufällig“ in einem SVT Görlitz auf Inlandstrecken mit.
In den 1990er Jahren begann dann meine erneute Zuwendung zum Thema Eisenbahn: Das neue Angebot, selber eine Dampflok fahren zu dürfen, war hochinteressant, ich wurde mit 10-tägiger, selbst bezahlter Ausbildung bei der DR-Schmalspurbahn Zittau – Oybin – Jonsdorf zum Ehrenlokführer. Die neuen Einblicke in die tatsächliche Technik und den realen Eisenbahnbetrieb zogen meine Aufmerksamkeit auf sich. Auch der historische und nostalgische Wert der SVT-Görlitz-Züge wurde mir nun erst richtig bewusst. Neben anderen Dingen, die ich wenigstens einmal erleben wollte, wie eben das eigenhändige Fahren eines echten Zuges, das Ballonfahren u.a.m. was einem im Alter von 30+ so durch den Kopf geht, kam auch die Mitfahrt in einem SVT Görlitz auf die Wunschliste.
Inzwischen war nur noch 1 von ehemals 8 eingesetzten Garnituren in Betrieb und machte teure Touristik-Fahrten als DB-Museumszug. Zu so einer Mitfahrt hatte ich mich dann auch Anfang der 2000er Jahre entschlossen und hatte eine Fahrkarte bestellt.
Doch da kam die Meldung, dass der Zug vorfristig außer Betrieb genommen wurde (wohl wegen eines Schadens, dessen Reparatur sich bis zum bevorstehenden Fristablauf nicht mehr gelohnt hätte). Schade, alle vorherige Chancen verpasst :-(. Nur noch Hoffnung, dass die Garnitur einmal wieder aufgearbeitet werden würde.
Ab und zu, durch das neu aufgekeimte Eisenbahn-Hobby, angestachelt vom aktiven Clubleben bei den DR Ehrenlokführern, begegneten mir abgestellte SVT-Görlitz-Züge in Berlin und in Chemnitz, die ich auch aus der Nähe beschnarchte¹.
Auch die Meldungen über den Verbleib des dritten erhaltenen Zuges bis zur Übernahme durch das DB Museum Nürnberg verfolgte ich. Ich sammelte Infomaterial zu dem Thema und nahm mir vor: Wenn es einmal zu Aktivitäten einer Aufarbeitung kommen würde, bin ich sofort mit finanzieller Unterstützung des Vorhabens dabei, damit ich einmal in diesem Zug mitfahren kann! Aber viele Jahre lang passierte nichts in dieser Richtung.
Der „kleine Traum“, ein TT-Modell dieses Zuges auf der Modellbahnanlage einsetzen zu können, erfüllte sich während der 2000er Jahre – die Firma Kres brachte auch in meiner Nenngröße Modelle in verschiedenen Lackierungs- und Beschriftungsvarianten heraus. Ich entschied mich für den Kauf der in meinen Augen schönsten Variante als VT 18.16 mit blauem Zierstreifen. Das Selbstbau-Projekt war damit endgültig „gestorben“.
2017 erlebte ich eine gesundheitliche Zäsur – dem Sensenmann bin ich zum Glück noch von der Schippe gesprungen, dank der Ärzte und viel Unterstützung von allen Seiten. Ich kam nach der OP ohne dramatischen Verlust meiner allgemeinen Kondition wieder auf die Beine. Aber nach diesem Ereignis, begleitet von der Einsicht, sich auch Gedanken um seine eigene Endlichkeit machen zu müssen, kreisten natürlich die Gedanken auch um das was man eigentlich im Leben noch schaffen und erleben möchte. Und wie lange wird die „Reparatur“ halten? Wird die parallel entdeckte, ebenfalls gefährliche, schleichende Erkrankung fortschreiten? Wie viele Jahre für aktives Leben werden mir noch bleiben? In Bezug auf das Erlebnis der Mitfahrt im SVT Görlitz
¹Ι in Sachsen ein umgangssprachlicher Ausdruck für „ganz genau, ganz dicht vor der Nase anschauen“


In Bezug auf das Erlebnis der Mitfahrt im SVT Görlitz tendierte nun die Wahrscheinlichkeit der Erfüllbarkeit des Wunsches in Summe aller Umstände gegen Null.
Wie ihr wisst, kam ich relativ zügig wieder ins annähernd normale Leben zurück und mir geht es bis heute, 9 Jahre danach, ziemlich gleichbleibend gut :-). Aber die SVT-Görlitz-Züge rotteten weiter vor sich hin.
Aus der Hoffnung wird doch Realität!
Bald darauf ergriffen einige Eisenbahner, die früher beruflich mit dem SVT Görlitz verbunden waren die Initiative, die Wiederinbetriebnahme der zuletzt außer Betrieb gegangenen Garnitur organisatorisch, praktisch und finanziell in die Hand zu nehmen. Vereinbarungen mit dem DB Museum gelangen mit sicher sehr viel Überzeugungsarbeit, und die geschleppte Überführung des Zuges vom „Zwischenlager“ in Lichtenfels nach Dresden im März 2019, zwecks Start der Aufarbeitung, ging durch die Medien. Dresden! Gleich bei mir um die Ecke, direkt neben dem Eisenbahnmuseum im Bw Dresden-Altstadt, dem ich inzwischen vor allem durch dessen damalige Angebote für Ehrenlokführer recht eng verbunden bin, obwohl es mir wegen vielerlei anderer Ablenkungen nicht möglich ist, selber in so einem Eisenbahnverein handwerklich tätig zu werden. Die ersten Schritte der Aufarbeitung, getragen von vielen freiwilligen, fleißigen „Arbeitskräften“, konnte ich so auch direkt in Augenschein nehmen.
Den Initiatoren unter der Führung von Mario Lieb und Ingo Kamossa ist es, in Form eines gemeinnützigen Unternehmens (SVT Görlitz gGmbH) mit hervorragendem Gespür und glänzenden Ideen gelungen, eine äußerst breite Masse von Eisenbahnfreunden auf verschiedenste Weise und auf verschiedensten Ebenen zur Unterstützung des Vorhabens zu gewinnen. Mein Entschluss stand ja schon fest: Ich unterstütze in angemessenem Maße finanziell. Hinzu kam dann noch eine gewisse ideelle Unterstützung in meiner Funktion als NFS-Redakteur – ich veröffentlichte fast regelmäßig Berichte über die Fortschritte und Probleme des Projekts. Ich bin sogar zu Pressekonferenzen eingeladen worden.
[Bild] Konkret begann die Unterstützungs-Kampagne 2019 mit einem als „Crowdfunding“ bekannten Finanzierungsschema, das von den Initiatoren des Projekts „Ein Zug für Mitteldeutschland“ spaßig „Krautfunding“ genannt wurde und „Startschuss 2019“ hieß.
Die Anzahl der Beteiligungen mit Beitrags-Einzahlungen wurde auf 555 limitiert, die Einzahler erhielten schöne Poster mit der Registriernummer drauf, und es wurde (sehr geschickt!) damit „gelockt“, dass unter diesen Einzahlern, also den ersten öffentlich geworbenen finanziellen Unterstützern, 25 Fahrkarten für die künftige Erstfahrt verlost werden.
Das hat mich sofort überzeugt, ich erwarb 2 Anteile und – gewann 1 Fahrkarte!!! Die Fahrkarte wurde dann auch symbolisch als kleines Modell-Zuglaufschild an die Gewinner übergeben – ein wunderbares Souvenir.
[Bild]
Ab und zu kam wieder der Gedanke hoch: Der Zug soll in 5 Jahren fertig werden, das wäre 2024, 7 Jahre nach meinem gesundheitlichen „Warnschuss“ … Ob ich den Zeitpunkt erleben werde? Und es kann länger dauern, oder scheitern … Ihr wisst, in den Folgejahren durchlebten wir mehrere Krisen (z.B. hat auch „Corona“ Kollegen aus unserem Kreis gerissen) … Es grenzt fast an ein Wunder, dass der Zug 2026, nach 7 Jahren Aufarbeitung mit mehreren vorher ungeplanten Hindernissen und neuen Herausforderungen, tatsächlich in Betrieb gehen konnte!
Jedenfalls trat ich 2020 auch sogleich dem von der SVT Görlitz gegründeten „Club der 175“ bei – Mitgliederzahl auf 175 limitiert – mit der Verpflichtung, jährlich eine Spende in bestimmter Mindesthöhe beizutragen, und natürlich gibt es als Gegenleistung Informationen aus erster Hand und zusätzliche Gelegenheiten, das Geschehen vor Ort zu verfolgen. Mitgliedsnummer 77.
Auch die von der gGmbH oder dem Club der 175 immer wieder neu aufgelegten Souvenir-Ideen, jährliche Themen-Kalender, ein Fachbuch zu dieser Baureihe in limitierter Sonderauflage usw. nahm ich meist wahr, was immer zur Finanzierung des Vorhabens mit beitrug. Auch weitere Aktionen zur Spendensammlung für bestimmte Anlässe, wie die Reparatur eines nicht erwarteten Motorschadens, oder die Finanzierung des Aufbaus der heutigen Unterstellung in Radebeul, waren vor meiner Beteiligung nicht sicher, wobei erwähnt werden muss, dass meine Frau Katrin quasi 50% aller dieser Finanzspritzen ja auch trägt. Diese Formen der Spenden-Einwerbung funktionierten offenbar dann auch ohne das Versprechen solcher herausragender Dankeschöns wie Tickets für die Erstfahrt(en) schon für „kleine“ Beträge! Wie heißt es so schön: Der frühe Vogel fängt den Wurm ;-).


Weitere Informationen:
34. General- / Jahreshauptversammlung im Ländle
in der Stauferstadt Göppingen
Clubnachrichten NFS – Jahrgang 2026


